Fachartikel · Team & Unternehmensfeld
Warum sich bestimmte Konflikte immer wiederholen
Unklare Verantwortlichkeiten, alte Loyalitäten, fehlendes Vertrauen oder widersprüchliche Zielvorstellungen können ein Team beeinflussen, ohne dass die eigentliche Ursache im Arbeitsalltag erkennbar wird.
Nach außen zeigt sich vielleicht ein Kommunikationsproblem. Besprechungen verlaufen angespannt, Entscheidungen werden verzögert oder einzelne Mitarbeiter geraten immer wieder aneinander. Es werden Gespräche geführt, Zuständigkeiten verändert, Prozesse angepasst oder neue Teammitglieder eingestellt. Kurzzeitig scheint sich die Situation zu verbessern – bis ein ähnlicher Konflikt erneut entsteht.
Manchmal wechseln sogar die beteiligten Personen, während das Grundmuster erhalten bleibt.
Dann lohnt es sich, nicht nur auf das Verhalten einzelner Mitarbeiter zu schauen, sondern auf das gesamte Beziehungs- und Informationsfeld des Unternehmens.
Ein Team wird üblicherweise über Aufgaben, Funktionen und Verantwortlichkeiten beschrieben. Im Organigramm ist festgelegt, wer führt, wer entscheidet und wer welche Arbeit übernimmt.
Im tatsächlichen Arbeitsalltag existiert jedoch eine zweite Ebene.
Dort wirken:
Diese Informationen bilden ein Beziehungsgefüge, das nicht vollständig im Organigramm sichtbar wird. Dennoch beeinflusst es, wie offen kommuniziert wird, wie schnell Entscheidungen umgesetzt werden und wie viel Verantwortung einzelne Menschen tatsächlich übernehmen.
Ein Mitarbeiter kann formal eine untergeordnete Funktion besitzen und trotzdem großen Einfluss auf das Team ausüben. Eine Führungskraft kann offiziell entscheidungsberechtigt sein, ohne von den Mitarbeitern innerlich als Führung anerkannt zu werden. Zwei Abteilungen können an demselben Unternehmensziel arbeiten und dennoch gegensätzliche Interessen verfolgen.
Das sichtbare Team und das tatsächlich wirksame Beziehungssystem sind deshalb nicht immer identisch.
Konflikte werden häufig dort bearbeitet, wo sie auftreten.
Wenn zwei Mitarbeiter nicht miteinander auskommen, wird ihre Kommunikation betrachtet. Wenn Aufgaben nicht erledigt werden, werden Prozesse kontrolliert. Wenn Verantwortlichkeiten unklar sind, wird ein neues Organigramm erstellt.
Diese Maßnahmen können notwendig sein. Sie greifen jedoch zu kurz, wenn der sichtbare Konflikt lediglich der Ausdruck eines tieferliegenden Musters ist.
Ein Streit über Zuständigkeiten kann beispielsweise in Wahrheit mit fehlender Anerkennung verbunden sein. Widerstand gegen eine neue Führungskraft kann aus einer alten Loyalität gegenüber ihrem Vorgänger entstehen. Die schlechte Zusammenarbeit zweier Abteilungen kann auf widersprüchliche Zielvorgaben zurückgehen. Eine Person, die als schwierig wahrgenommen wird, kann einen Konflikt sichtbar machen, der bereits vorher im Unternehmen vorhanden war.
In solchen Fällen trägt ein einzelner Mitarbeiter möglicherweise den Konflikt aus, ohne dessen alleinige Ursache zu sein.
Wird nur diese Person versetzt oder ausgetauscht, entsteht zunächst Ruhe. Nach einiger Zeit übernimmt jedoch häufig jemand anderes eine vergleichbare Rolle.
Das Problem ist dann nicht vollständig mit der Person gegangen, weil das zugrunde liegende Muster im Unternehmensfeld weiterbesteht.

Verantwortung besteht aus mehr als einer Stellenbeschreibung. Sie braucht die Verbindung von Aufgabe, Kompetenz, Entscheidungsbefugnis und Konsequenz.
Unklarheit entsteht beispielsweise, wenn:
Wo Verantwortung und Befugnis nicht zusammenpassen, entstehen Reibung, Absicherung und Rückzug. Mitarbeiter lernen, dass Eigeninitiative riskant ist oder dass Entscheidungen jederzeit wieder verändert werden können.
Die Folge ist häufig eine Kultur des Abwartens. Nach außen wirkt es dann, als fehle dem Team Motivation. Tatsächlich kann die Struktur verantwortliches Handeln verhindern.
Menschen fühlen sich nicht nur ihren aktuellen Aufgaben verpflichtet. Sie können auch an frühere Führungskräfte, Gründer, Kollegen, Geschäftsbereiche oder Unternehmensphasen gebunden sein.
Eine neue Geschäftsführung möchte das Unternehmen verändern, während ein Teil des Teams innerlich an der bisherigen Ausrichtung festhält. Ein langjähriger Mitarbeiter verteidigt Prozesse, die eng mit einem früheren Vorgesetzten verbunden sind. Eine Abteilung schützt ihre bisherige Position, weil sie durch die Neuausrichtung an Einfluss verlieren könnte.
Solche Loyalitäten sind nicht grundsätzlich negativ. Sie können Ausdruck von Verbundenheit, Dankbarkeit und Identifikation sein.
Schwierig werden sie, wenn sie nicht bewusst erkannt werden und dadurch die Zusammenarbeit mit der gegenwärtigen Führung oder die Entwicklung des Unternehmens blockieren.
Dann entsteht ein Konflikt zwischen Zugehörigkeit zur Vergangenheit und Verantwortung für die Zukunft.
Jedes Team besitzt neben der offiziellen Struktur auch eine informelle Ordnung.
Dazu gehören Mitarbeiter, deren Meinung besonders viel Gewicht hat, Personen mit privilegiertem Zugang zur Geschäftsführung oder langjährige Teammitglieder, an denen sich andere orientieren.
Diese informellen Strukturen können ein Unternehmen stabilisieren. Sie können aber auch dazu führen, dass die formale Führung unterlaufen wird.
Eine neue Führungskraft trifft beispielsweise eine Entscheidung. Das Team wartet jedoch zunächst ab, wie eine langjährige Schlüsselfigur darauf reagiert. Erst danach wird entschieden, ob die neue Richtung tatsächlich unterstützt wird.
Wird diese informelle Macht nicht wahrgenommen, erscheinen Verzögerungen und Widerstände irrational. Tatsächlich folgt das Team einer anderen Ordnung als der offiziell dargestellten.
Konflikte enden nicht automatisch dadurch, dass nicht mehr über sie gesprochen wird.
Frühere Auseinandersetzungen, Kündigungen, Umstrukturierungen, Unternehmenskrisen oder als ungerecht empfundene Entscheidungen können lange nachwirken. Besonders stark ist dies, wenn Beteiligte das Gefühl haben, nicht gehört, nicht anerkannt oder nicht fair behandelt worden zu sein.
Das Ereignis selbst liegt möglicherweise Jahre zurück. Seine Folgen zeigen sich aber weiterhin in Vorsicht, mangelndem Vertrauen oder der Erwartung, dass sich eine ähnliche Situation wiederholen könnte.
Neue Veränderungen werden dann nicht nur anhand ihrer aktuellen Inhalte bewertet. Sie werden mit den Erfahrungen aus der Vergangenheit verbunden.
Ein neues Projekt kann deshalb auf Widerstand stoßen, obwohl es fachlich sinnvoll ist. Das Team reagiert möglicherweise weniger auf das Projekt selbst als auf die Erinnerung an frühere Veränderungsprozesse.
Vertrauen entsteht nicht durch einen Beschluss. Es entwickelt sich aus wiederholten Erfahrungen. Ein Team vertraut, wenn Aussagen und Handlungen übereinstimmen, Entscheidungen nachvollziehbar sind und Fehler offen angesprochen werden können. Vertrauen sinkt, wenn Informationen zurückgehalten, Zusagen nicht eingehalten oder Verantwortlichkeiten je nach Ergebnis verändert werden.
Fehlendes Vertrauen zeigt sich nicht immer in offenen Vorwürfen. Häufiger entstehen:
Ein Unternehmen kann formal gut organisiert sein und dennoch viel Kraft verlieren, weil die Beteiligten ihre Energie in Absicherung statt in Entwicklung investieren.
Teams können nur gemeinsam handeln, wenn ihre Ziele miteinander vereinbar sind. In der Praxis werden jedoch häufig unterschiedliche Zielsysteme geschaffen. Der Vertrieb soll möglichst schnell wachsen, während die Produktion Risiken vermeiden und Stabilität gewährleisten soll. Das Marketing soll neue Angebote sichtbar machen, während die Geschäftsführung Änderungen an der Positionierung scheut. Führungskräfte sollen Verantwortung delegieren und gleichzeitig jede Entscheidung kontrollieren.
Jeder Bereich handelt dann aus seiner Perspektive nachvollziehbar. Im Gesamtunternehmen entsteht dennoch Konflikt.
Die Ursache liegt nicht zwangsläufig in mangelnder Teamfähigkeit, sondern in einem strukturellen Zielwiderspruch.
Solange dieser Widerspruch nicht geklärt wird, können Kommunikationsmaßnahmen nur begrenzt wirken. Die Beteiligten sprechen zwar miteinander, sollen aber weiterhin unterschiedliche Ergebnisse produzieren.
Konkurrenz ist in Unternehmen nicht grundsätzlich problematisch. Sie kann Leistung und Innovation fördern. Schwierig wird sie, wenn Anerkennung, Einfluss oder Sicherheit als begrenzte Ressourcen erlebt werden. Dann entstehen verdeckte Positionskämpfe.
Informationen werden möglicherweise zurückgehalten, Erfolge nicht geteilt oder Entscheidungen anderer infrage gestellt. Menschen schützen ihre Zuständigkeiten, weil sie befürchten, an Bedeutung zu verlieren. Veränderungen werden nicht nach ihrem Nutzen für das Unternehmen bewertet, sondern nach ihrer Wirkung auf die eigene Position.
Besonders in Führungsteams kann diese Dynamik die gesamte Organisation beeinflussen. Wenn die Unternehmensleitung keine gemeinsame Ausrichtung besitzt, wird die Konkurrenz auf die nachfolgenden Ebenen übertragen.
Offene Kommunikation ist ein wichtiger Bestandteil jeder Konfliktlösung. Viele Probleme lassen sich durch klare Gespräche, Moderation und verbindliche Vereinbarungen verbessern.
Dennoch gibt es Situationen, in denen selbst professionell geführte Gespräche keine nachhaltige Veränderung erzeugen.
Das kann verschiedene Gründe haben:
Ein Gespräch kann die bewusste Ebene klären. Es verändert aber nicht automatisch alle unbewussten Bindungen, systemischen Verbindungen und im Unternehmen gespeicherten Erfahrungen.
Deshalb kommt es vor, dass nach einem guten Workshop zunächst Aufbruchsstimmung herrscht. Einige Wochen später sind jedoch dieselben Reaktionsmuster wieder vorhanden.
Auch neue Prozesse, Zuständigkeiten oder Führungsstrukturen können notwendig sein. Sie schaffen Orientierung und Verbindlichkeit.
Doch eine neue Struktur entfaltet nur dann Wirkung, wenn sie von den Beteiligten tatsächlich angenommen wird.
Wird ein Organigramm verändert, während die informellen Machtverhältnisse gleich bleiben, existieren anschließend zwei Ordnungen nebeneinander. Wird eine neue Führungskraft eingesetzt, ohne die Verbindung des Teams zur bisherigen Führung zu klären, muss sie möglicherweise dauerhaft gegen eine unsichtbare Loyalität arbeiten.
Wird Verantwortung delegiert, während die Geschäftsführung innerlich nicht bereit ist, Kontrolle abzugeben, bleibt die Delegation unvollständig.
Nachhaltige Veränderung benötigt beides: eine passende organisatorische Struktur und eine stimmige Ausrichtung der Menschen und Beziehungen, die diese Struktur tragen sollen.
Die Führung und der Unternehmer besitzen einen großen Einfluss auf das Teamfeld.
Das bedeutet nicht, dass jeder Teamkonflikt durch den Unternehmer verursacht wird. Doch die Art, wie Führung mit Verantwortung, Entscheidungen, Vertrauen und Konflikten umgeht, prägt das gesamte Unternehmen. Mitarbeiter orientieren sich weniger an formulierten Werten als an wiederholten Erfahrungen:
Wenn die Führung widersprüchliche Signale sendet, wird diese Widersprüchlichkeit im Team weitergeführt. Deshalb beginnt die Arbeit an Teamdynamiken häufig nicht mit allen Mitarbeitern gleichzeitig. Sie kann über den Unternehmer und das Unternehmensfeld erfolgen. Der Unternehmer ist ein zentraler Orientierungspunkt des Systems. Wenn sich seine Klarheit, Haltung und Entscheidungsfähigkeit verändern, kann sich auch die Ordnung im Team neu entwickeln.
Eine Neuausrichtung bedeutet nicht, alle Spannungen zu beseitigen oder künstliche Harmonie herzustellen. Ein leistungsfähiges Team darf unterschiedliche Meinungen, Interessen und fachliche Perspektiven besitzen. Entscheidend ist, ob diese Unterschiede produktiv verarbeitet werden können. Bei einer Neuausrichtung können unter anderem folgende Bereiche betrachtet werden:
Ziel ist eine systemische Ordnung, in der jeder Bereich und jede Person eine klarere Position einnehmen kann. Alte Bindungen müssen dabei nicht abgewertet werden. Die bisherige Geschichte des Unternehmens darf anerkannt werden, ohne dass sie weiterhin jede zukünftige Entscheidung bestimmt.
Quantum Recoding
Quantum Recoding betrachtet Teamkonflikte nicht isoliert von der Führung, der Unternehmensgeschichte und den strategischen Zielen. Im Mittelpunkt steht nicht die Suche nach einem Schuldigen. Es geht darum, zu erkennen, welche Informationen und Beziehungen den Konflikt aufrechterhalten. Je nach Situation können beispielsweise folgende Fragen betrachtet werden:
Die Arbeit erfolgt vorrangig mit dem Unternehmer und dem Unternehmensfeld. Das Team muss nicht zwangsläufig vollständig in den Prozess einbezogen werden. Erkenntnisse aus der Informationsfeldarbeit werden anschließend mit den sichtbaren Fakten, der Führungsstruktur und den notwendigen unternehmerischen Maßnahmen abgeglichen. Auch hier gilt:
Wahrnehmen · Prüfen · Entscheiden · Handeln
Die Arbeit im Informationsfeld ersetzt keine erforderlichen Gespräche, Führungsentscheidungen oder organisatorischen Veränderungen. Sie kann jedoch eine zusätzliche Ursachenebene sichtbar machen und die Umsetzung notwendiger Maßnahmen unterstützen.

Wenn Rollen, Ziele und Beziehungen klarer geordnet sind, können sich Veränderungen im Arbeitsalltag zeigen. Mögliche Entwicklungen sind:
Das bedeutet nicht, dass keine Konflikte mehr entstehen. Konfliktfreiheit ist kein realistisches Ziel für ein lebendiges Unternehmen. Der Unterschied besteht darin, dass Konflikte nicht mehr unbewusst das gesamte System steuern. Sie können als Information genutzt, auf ihrer tatsächlichen Ebene bearbeitet und in eine konstruktive Entwicklung überführt werden.
Gute Zusammenarbeit bedeutet nicht, dass alle Menschen gleich denken oder sich immer einig sind. Ein starkes Team kann unterschiedliche Perspektiven aushalten. Es kann Widerspruch nutzen, Verantwortung klar verteilen und Entscheidungen auch dann gemeinsam umsetzen, wenn nicht jeder die ursprünglich bevorzugte Lösung erhalten hat. Dafür braucht es:
Unternehmer der neuen Zeit betrachten Teamprobleme deshalb nicht nur als Kommunikations- oder Personalthema. Sie verstehen das Team als Teil eines umfassenden Unternehmensfeldes.
Wenn sich bestimmte Konflikte trotz Gesprächen, Umstrukturierungen und Personalwechseln wiederholen, ist das kein Grund, noch schneller nach einem neuen Schuldigen zu suchen.
Es ist ein Hinweis, die Ebene zu wechseln.
Denn nachhaltige Zusammenarbeit entsteht nicht allein dadurch, dass Menschen miteinander sprechen. Sie entsteht, wenn Ziele, Rollen, Beziehungen und Führung wieder auf eine gemeinsame Zukunft ausgerichtet sind.
Shift the Future.
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